Uni-sein, oder Uni-nichtsein

Warum nur ist der Mensch sterblich? Warum ist er dazu verurteilt, sein Leben irgendwann verfrüht zu beenden; sich erst dann der Kürze seiner Existenz bewusst und voller Ärger, im Nachhinein gleichsam unbezahlbare Lebenszeit sinnlos verschwendet zu haben? Warum bekommt man nicht mit der Geburt einen Verlaufsplan, in den man Aufgrund der Kenntnis der Dauer des persönlichen Spiel des Lebens im Voraus alle Verschwendungen von Gelegenheiten im scheinlebenden Umherwandern auf dem Globus planen kann?

Diese und ähnliche Gedanken ziehen sich durch den flüssigkeitsgetränkten Ball zwischen meinen durch verbale Misshandlung gequälten Ohren, während ich einer als „Vorlesung“ getarnte Massenverblödung beiwohne. Der Professor, ein Mann den ich sehr schätze, der bekannt ist für seine Fähigkeit Informationen unterhaltsam zu vermitteln, ja, der gleichsam der einzige Grund ist, mich für eine 16-Uhr-Vorlesung aus meinem heimischen Schutzbunker vor Arbeit und anderen Volkskrankheiten zu bewegen, ist nicht da. An seiner stelle begrüßt uns ein nach eigenen Angaben wissenschaftlicher Mitarbeiter eben jenes von mir gerade noch hoch gelobten Mannes. Meiner Meinung nach ist er aber eher ein wissenschaftlicher Beweis statt ein Mitarbeiter, der lebendig gewordene Versuch, dass sich Gegensätze anziehen. Wenn der Professor der Nordpol ist, ist diese Gestalt da vorne der Südpol – allerdings der vom Mond. Beginnend mit der Feststellung, dass der werte Herr Vertreter es augenscheinlich nicht wert ist, einen Schlüssel für den Mikrophonschrank zu besitzen, lausche ich mitleidig in die Akustik des mit 250 Personen besetzten Hörsaales. Schon bald gelingt es mir, Interferenzen in Form von Blätterrascheln, Face-to-Face Konversation sowie nicht näher untersuchte Schmatzgeräusche herauszufiltern. „VORSOKRATIKER“ dringt an mein bereits in der U-Bahn stark über das Maximum belastete Hörinstrument. „FASZINIEREND“ denke ich, mich aktuell nur trivial für das Vorlesen eines für jeden sichtbares, an die Wand projektiertes Schriftstück interessierend. Der Hinweis, die Wand bald online abrufen zu können, begräbt den letzten Funken guten willens und lässt mich dahinsinken in die Anprangerung des endlichen Lebens. Aus den Augenwinkeln sehe ich Personen, deren Verständnis von Zeitverschwendung offensichtlich ausgeprägter ist als meines, den Raum verlassen. Mit meinem anderen Auge schau ich auf die gut sichtbar aufgehängte Uhr an der Wand. 17.07. „WIE SPÄT HABEN WIR EIGENTLICH?“ höre ich vom Rednerpult. „VIERTEL VOR“ kommt es aus dem Saal. Das Rednerpult verwandelt sich in eine Mischung aus Panik, Hektik und Überraschung. Auf seine eigene Uhr schauend, danach auf die erwähnte Wanduhr hingewiesen, erleichtert sich der Zustand aber sichtbar. Genau wie ich. Ich nicke ein.
„EIN WENIG ZEIT HABEN WIR NOCH“ weckt mich. Blick zur Wand. 17.34. Das Pult hat Recht. Wenig Zeit, aber ausreichend um das letzte Überbleibsel Motivation, nächste Woche an derselben Stelle zu sitzen, zu vertreiben. Und da erkenne ich die göttliche Botschaft dieses Momentes. Zeit ist erst dann verloren, wenn man keinen Nutzen sieht sie zu verwenden. Ich aber weiß nun, nach gründlichem Überlegen, dass ich mein Seminar beim Pult doch nicht belegen werde. Zwei Stunden für eine Erkenntnis. Ein Schnäppchen bei den heutigen Lebenserwartungen.

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